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128 Seiten
209 Abbildungen
Paperback
€ 14,90
ISBN
978-3-88190-524-4

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Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Von der Reformation bis zu den
Erbfolgekriegen. 16. und 17. Jahrhundert

Führer durch die Abteilung des Badischen Landesmuseums

Dem 16. und 17. Jahrhundert haben wir als Ausstellungseinheit den griffigeren Haupttitel „Von der Reformation bis zu den Erbfolgekriegen“ gegeben. Diese ereignisgeschichtliche Benennung könnte auch durch den historischen Epochenbegriff „Frühe Neuzeit“ oder die kunsthistorischen Stilbezeichnungen „Renaissance“ und „Barock“ ersetzt werden. So ereignisreich freilich die beiden Jahrhunderte waren, muss man historischstrukturiert etwa durch die Verfasstheit des Deutschen Reiches – und vor allem kultur- und alltagsgeschichtlich doch in Vielem von einer „longue durée“ ausgehen, lang dauernde Verhältnisse, die aus dem Mittelalter in unsere Zeitepoche hinein weiterleben und, z.B. in Wirtschaft und Gesellschaft, auch ins 19. Jahrhundert fortwirken.

Unsere Sammlung aus dem 16. und 17. Jahrhundert ist so zusammengesetzt, dass wir hier – wie oft im Haus – überregionale Phänomene und Strömungen mit der regionalen südwestdeutschen Geschichte und Kultur in Verbindung setzen können. Der dieser Abteilung gewidmete Ausstellungssaal ist – aufgrund der räumlichen Gegebenheiten – von zwei Seiten her erschlossen: von der einen Seite her erfolgt der Zugang von der spätmittel­alterlichen Frömmigkeit zu Bildersturm, Renaissance und Reformation. Auf der anderen Seite schließt sich an die großherzogliche Herrschergeschichte Badens die der vorangegangenen Markgrafenzeit seit dem ausgehenden Mittelalter an, genauer, der beiden markgräflich badischen Linien, die sich damals in die baden-badische Linie – mit der Residenz im „Neuen Schloss“ in Baden-Baden und später Rastatt – und in die baden-durlachische Linie geteilt hatten.

Viele der Ereignisse, die diese Epoche prägten, seien es die Kriege, von denen allein der Dreißigjährige ein Viertel der Menschheit in Mitteleuropa ums Leben gebracht hat, seien es die Religionsstreitigkeiten, seien es die Ängste vor der latent nahezu stetig drohenden Expansionsgefahr des Osmanischen Reiches bewirkten Not und Leid. Dies kommt auch darin zum Ausdruck als am Anfang und am Ende der Präsentation Zeug­nisse der Zerstörung stehen: die beschädigten Heiligenfiguren aus dem „Bildersturm“ einerseits, andererseits die Schrecknisse und Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges und der Erbfolgekriege, eingebunden in Bilddarstellungen des „Vanitas“-Gedankens und der Allegorie des Todes. Der Bildhauer Leonhard Kern hat den Nöten seiner Zeit, gerade in der Schlussphase des Dreißigjährigen Krieges, der Beunruhigung der Menschen und ihren Ängsten wohl den sprechendsten Ausdruck, wenn auch durch die Einkleidung in biblische oder mythologische Szenen vermittelt, gegeben.

Mit italienischen und von dort beeinflussten Bronzeplastiken setzt unsere kunstgeschichtliche Darstellung ein. Sie findet in der Skulptur regionale Höhepunkte in den Werken von Hans Morinck, der Bildhauerfamilie Zürn und Christoph Daniel Schenck aus dem Bodenseeraum. Demgegenüber wird aber auch deutlich, wie die Verwüstungen im Krieg von 1689 im Oberrheinraum die Kunst jener Jahrhunderte dezimiert hat. Besser dokumentiert sind die Zeugnisse der Handwerkskunst, die nicht nur in den Residenzstädten, sondern, zunftmäßig organisiert, auch in den Städten, zumal den etlichen freien Reichsstädten im Südwestdeutschen Raum, vielfach entstanden.

Das 16. Jahrhundert darf als ein Jahrhundert der Natur- und Humanwissenschaften gelten, wie es das zeitgenössische „Dialog“-Kunstwerk in dieser Abteilung, eine digital gedruckte „Tapisserie“ von Margret Eicher symbolisch verdichtet und aktualisierend verfremdet. Ausdruck der Zusammenschau der Wissenschaften und Künste in jener Epoche ist die „Kunst- und Wunderkammer“ mit ihrer Einheit von „artificalia“, „scientifica“ und „naturalia“; deren „badisches“ Exemplar, von dem wir erst 1995 größere Teile für die Öffentlichkeit dem Badischen Landesmuseum sichern konnten, ist freilich an einem anderen Platz in unserem Haus ausgestellt. Mit den „Kunst- und Wunderkammern“ beginnt auch die Geschichte höfischer Repräsentation und Persuasion, die in Renaissance und Barock zunehmend die Kunst als „Hofkunst“ prägte.

Die Einrichtung der Abteilung und die Abfassung des zuge­hörigen Führers lag in den Händen von Dr. Reinhard W. Sänger, unterstützt von Oya Dobruca-Kral M.A. und lic.phil. Christina Snopko. Das Ausstellungsdesign war die letzte Aufgabe, die der international ausgewiesene Gestalter Hans R. Woodtli aus Zürich vor seinem Tod 2008 und sein Team für das Badische Landesmuseum übernommen hatten. Allen Beteiligten einschließlich Fotograf, Gestalter und Verlag sei herzlich für ihre Arbeit gedankt.

Prof. Dr. Harald Siebenmorgen
Direktor des Badischen Landesmuseums