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Johannes Gervé
Seestücke
· Seascapes
Johannes
Gervés Seestücke sind erfüllt von den dialektischen
Begriffen der Ferne und Nähe, des Aufbruchs und Innehaltens –
dem Versuch, den flüchtigen Augenblick festzuhalten, bevor er vorüber
ist. Gervés besondere Affinität zum Wasser und seine Reisen
zur See konfrontieren ihn immer wieder aufs Neue mit den ständig
wechselnden atmosphärischen und farblichen Besonderheiten des Landschaftsraums
Meer. Die auf den Reisen erlebten, unterschiedlich intensiven Eindrücke
trägt er lange in sich, bevor sie im Atelier manifeste bildnerische
Gestalt annehmen.
Der künstlerische Vorgang ist im Gegensatz zu dem sich ständig
in Bewegung befindlichen Reisenden ein Innehalten, ein Forschen und Ausloten
dessen, was bleibt von all dem Gesehenen, Erlebten und Erspürten.
Das Malen ist ein konzentrierter schöpferischer Vorgang, bei dem
in vielen Bearbeitungen und Überarbeitungen die Farben Schicht für
Schicht übereinander gelagert werden, zunächst grundierend,
diffus, lasierend, dann immer dichter werdend, bis eine Bildordnung entsteht,
die in Spannung versetzt wird durch die jeweilige Farbgebung und das Prinzip
der Offenheit. Beim Arbeiten klärt sich die Komposition, die Perspektive
auf den Landschaftsausschnitt, bis am Ende einzelne Formen Gestalt annehmen,
wie zum Beispiel Schiffe oder Gebäude, die den vorher völlig
offen angelegten Bildraum verdinglichen.
Diese Arbeitsweise macht deutlich, dass es sich bei den dargestellten
Seestücken um imaginäre Landschaften handelt, die zwar durch
reale Reiseerfahrungen veranlasst, jedoch nicht als mimetische Landschaftsporträts
wiedergegeben werden. Auch die Farbgebung folgt rein künstlerischen
Erwägungen in Verbindung mit tradierten Erfahrungen von Sehen und
Empfinden.
Verfügt der Bildraum über keine Horizontlinie, nimmt der Betrachter
eine eigentümlich schwebende Position ein, die die Ausschnitthaftigkeit
der Landschaft aus einem größeren Ganzen deutlich macht und
gleichermaßen aus der scheinbar großen Entfernung der Vogelperspektive
Landschafts- und Zivilisationsdetails zu zeichenhaften Strukturen und
Chiffren verkürzt. Seestücke, bei denen Johannes Gervé
die Horizontlinie sehr tief ansetzt, kehren die Perspektive um. Der riesige
Himmel über uns mit den imposanten Wolkenformationen lässt den
Eindruck entstehen, dass wir nicht auf der Erdoberfläche leben, sondern
unter dem Himmel
in einem großen atmosphärischen Raum.
Diese Seestücke haben sich weit von ihren historischen Vorläufern
entfernt, die man als autonome, spezifische Gattung der niederländischen
Landschaftsmalerei seit dem 17. Jahrhundert kennt. Ging es dort noch um
die Inszenierung von Natur im Zusammenspiel mit dramatischen Ereignissen
auf See, wie zum Beispiel Strandungen, Schiffsuntergänge, Fischfang,
Stürme oder Seeschlachten, entwickelte sich daraus bald das maritime
Stimmungsbild, mit dem besonderen Reiz des sich auf der Wasseroberfläche
spiegelnden Mond- oder Sonnenlichts. Die Romantik entdeckte das Seestück
als hintergründiges Sinnbild von Einsamkeit und Unendlichkeit: als
Seelenlandschaft. Die persönliche Naturbeobachtung in Verbindung
mit ihrer allegorisch überhöhten Auslegung sollte bestimmte
Stimmungen im Betrachter auslösen. Caspar David Friedrichs wohl berühmtester
Aphorismus „Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich
sieht, sondern auch, was er in sich sieht”?1 ist programmatischer
Ausdruck der theoretischen Konzeption dieser Kunstauffassung.
Die Sehnsucht des Städters hinaus in die Natur war für viele
weitere Künstler des 19. Jahrhunderts Antrieb auch in der Natur zu
malen. Besonders schöne Seestücke mit kühnen, atmosphärischen
Lichteffekten entstanden unter anderem im Werk von William Turner und
Claude Monet.
Landschaften, vor allem Meeresbilder, die in sich die Vorstellung von
Freiheit und Offenheit bergen, sind tradierte Orte der Sehnsucht. Ihre
Differenzqualität zum Alltag vermag als das Andere, als das Fremde,
die Sehnsucht der Menschen zu wecken. In der Malerei wurde und wird die
Landschaftsmalerei zur Projektionsfläche für Emotionen, für
die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur Natur und für
rein künstlerische Überlegungen. Johannes Gervé führt
seine Auseinandersetzung der geschauten erlebten Natur mit formalen Fragestellungen
der reinen Malerei zu künstlerischen Landschaftskonstruktionen, die
trotz starker Abstrahierung dem Gegenstand verbunden bleiben.
Die Seestücke räumen neben dem sich ständig ändernden
Element des Wassers dem ephemeren Element der Luft einen weiten Raum ein.
Atmosphärische Brechungen von Licht und Farbe sind vor allem bei
den Wolkenformationen ein wichtiges gestalterisches Element, das Gervé
in virtuosen Modulationen immer wieder neu inszeniert. Bilder wie „Seestück
Cascais“ und „Maria Praia“ sind leichte, lasierend gemalte,
helle, lichtdurchflutete Kompositionen, Werke wie „Marokko rot“
und „Sturmwolken“ sind dagegen mit pastosem Pinselschwung
stark farbig angelegt. „Dodekanes Nacht“ und „Fähre“
sind dunkle Nachtstücke, die die Begegnung mit den funkelnden Lichtpunkten
von Schiffen und Häusern während der Segelfahrten bei Nacht
reflektieren. Einen besonderen, intensiv leuchtenden Glanz erreicht der
Künstler durch die neu von ihm eingesetzten Leuchtpigmente bei der
Darstellung des zivilisatorischen Feuers von Feuerwerksraketen, die ebenso
flüchtig und schnell veränderlich sind wie die natürliche
Atmosphäre, Licht und Wolken. Der Reiz des flüchtigen Augenblicks
gipfelt in den Seestücken von Johannes Gervé in der ästhetischen
Verzauberung eines offen gedachten Landschaftsraums, der durch die Vorstellungskraft
des Betrachters seine Vervollkommnung findet.
Daniela Maier
Johannes Gervé,
1965 in Karlsruhe geboren, beginnt mit 19 Jahren sein Studium der Malerei
an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, das er
nach sieben Jahren als Meisterschüler von Professor Klaus Arnold
abschließt. Seit 1991 ist er als freischaffender Maler tätig.
Sein Arbeits- und Lebensmittelpunkt ist Karlsruhe.
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