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40 Seiten
32 Farbabbildungen
Paperback
€ 15
ISBN
978-3-88190-533-6


Lindemanns Bibliothek
Band 63


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www.brandscheffel.de


Malerei 2009

Sabine Brand Scheffel

Natur ist einer der Hauptgegenstände der Kunst Sabine Brand Scheffels. Dennoch reagiert ihre Malerei stets auf Konkretes, auf verschiedenste spezifisch ausgeprägte Formen von Natur. Wir sehen lanzettförmige Blätter und Halme, Insektenflügel, Samenkapseln, Wasserflächen, Tropfen, Nebel, Gebüsch und Geäst, Blüten, Sonnenstrahlen – freilich alles im Diffusen, in Bewegung und Struktur angedeutet. Sabine Brand Scheffel reagiert auf das Konkrete abstrahierend, weil nicht das Detail, sondern Eindrücke, Atmosphären und spannungsvolle Beziehungen das sind, was sie im Bild sinnlich erfahrbar machen will. Die Methoden dieses Abstraktionsprozesses sind malerische, initial bestimmt von der Technik des Aquarells. Wässrige Techniken fordern von dem, der sie handhabt, Aufmerksamkeit und Flexibilität, sie sind lebendiger und eigendynamischer als pastose Verfahren. Das Aquarell ist nicht das Medium für Zauderer und offeriert wenig Raum für Skrupel. Die Unbeirrbarkeit des Aquarellisten etabliert nichts für die Ewigkeit, sondern weiß sich im Fluss aufgehoben, der trägt, auf dem sich gleitend Perspektiven aufs Ungesehene eröffnen. Und was in dieser Technik morphologisch aufgehoben ist, zählt eben zu den wesentlichen Bildgegenständen dieses Œuvres: Das Wasser, sein Fließen, sein Stehen oder das Gekräusel seiner Oberflächen, die sich plötzlich auftun können, in die hinein, aus deren Untiefen heraus abrupte Bewegungen möglich sind; die Begegnung des Wassers mit dem Licht, dessen Brechungen, die optischen Täuschungen und Verzerrungen unter der Wasserlinie oder an dem, was es wie spiegelt. Regelmäßig unternimmt Sabine Brand Scheffel Venedig-Reisen. Die Botschaft dieser Stadt lautet, dass Kunst und Schönheit aus dem kühnen Auftauchen und der gleichzeitigen Gefahr unterzugehen, ins Nichts zurückzusinken, entstehen. Dieser Gedanke beeinflusst auch Brand Scheffels bildnerisches Denken. So entfalten sich Bilder zwischen Sein und Nichts, dem aufkeimenden Grün, das Anfänge und Leben kennzeichnet, und den vielen Farben einer relativen Schwärze, die glänzen kann oder sich matt in sich zurückzieht, die pudrig weich wirkt oder trocken geronnen, genarbt wird von Pinselfurchen.

In Sabine Brand Scheffels Bildern wird es häufig Licht in der Finsternis – und von beiden Elementen kann eigentümlicherweise ein Glanz ausgehen; sie steigern sich gegenseitig. So nah die Fokussierung auf das Bildereignis ist, so sehr öffnen diese Arbeiten dem Betrachter auch eine befreiende Weite – „Bilder brauchen Pausen, so wie Menschen Pausen brauchen“. In ihnen schweigt das Bild und schweift der Blick. Sabine Brand Scheffel kehrt weder der Welt den Rücken, noch lässt sie sich von Gegenständen umstellen, um sie zu belauschen und beleben. Dennoch ist auch für sie die umso größere Konzentration das vermutlich zentrale Leitmotiv ihrer Arbeit, ist die Stille – nicht frei von Drohung – ein Ostinato ihrer Werke, versucht sie „zarte Zeichen, ein Windesrauschen in den Blättern“ gegen die drohende Leere zu setzen. Ruth Klüger hat einmal formuliert, dass Glück für sie ein Synonym für Konzentration sei. In den Bildern Sabine Brand Scheffels begegnen wir dieser sichtbar gewordenen Haltung geglückter Konzentration – im Auge des Betrachters konzentriertem Glück.

Kirsten Claudia Voigt (Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)