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Paperback
64 Seiten
13,3 x 21 cm
€ 7
ISBN 978-3-88190-383-7

Lindemanns Bibliothek
Band 15


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Michael Bartsch

Wie war's in Japan?


Nach Japan reisen mit einer Japanerin, dort Hochzeit feiern, durchs Land fahren und bei einer japanischen Familie wohnen – wer so unterwegs ist, erlebt mehr und anders als der Tourist.

Der Autor hat mit offenem Blick hingeschaut, in Tempeln und in Supermärkten,
in Kneipen und Behörden, im Alltag, auf Reisen und auf Festen. Davon erzählt er
in 13 kleinen Kapiteln mit Klugheit, Humor und genauer Beobachtung und macht anschaulich, was Japan so besonders macht.

Kein Reiseführer, keine Landeskunde; ein liebevoller, amüsanter und farbiger Bericht aus einem schönen und fremden Land.

Für alle, die Japan lieben oder über Japan das erfahren wollen, was in keinem Fachbuch zu lesen steht.

Michael Bartsch hat Jura studiert und in Wirtschaftswissenschaften promoviert. Er ist Professor für Urheber- und Medienrecht an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, unterrichtet Softwarerecht an der Universität Karlsruhe und arbeitet als Rechtsanwalt auf diesen Gebieten. Seine Liebe gehört der Literatur und der Musik.



Inhalt
Wie war’s in Japan?
Stadtbilder
Höflichkeit
Im Tempel
Essen
Pachinko
Im Amt
Hand-Denwa
Die nachträgliche Hochzeit


Aus dem Kapitel
Stadtbilder

Bei einem Spaziergang sehen wir zwei Männer in weißen Overalls,
Firmenaufdruck auf den Rücken. Sie sitzen auf Leitern und arbeiten fleißig und
fachkundig. Sie haben Gürtel mit den notwendigen Werkzeugen umgeschnallt.
Als wir nach einer Stunde wieder bei ihnen vorbeikommen, stehen die Leitern
an einem etwas anderen Platz, und die Männer arbeiten weiterhin. Sie putzen,
beschneiden und richten einen Baum in einem Vorgarten. Die Pflanzen,
die uns als so japanisch ins Auge fallen, sind Kunstprodukte. Der Gärtner
zwingt ihnen seinen stilistischen Willen auf. Bonsai-Pflanzen sind nur die
zimmer--tauglichen Ableger. Auch große Bäume werden durch Stangen und
Seile in Form gebracht und gehalten, mit Sorgfalt geputzt und geschnitten.
Das Ergebnis ist so naturfern wie der Garten von Versailles, erscheint uns
aber als eine Art höherer Natur, so wie ein Baum aussähe,
wenn er feines japanisches Stilgefühl hätte.


Aus dem Kapitel
Höflichkeit

Eine Szene: Wir sind in einem Ryokan, einem traditionellen japanischen Landhotel.
Das Zimmermädchen bringt uns in unser Zimmer und zeigt und erklärt uns alles.
Jetzt geht es darum, ihr das Trinkgeld zu geben. Es befindet sich in einem
mitgebrachten Briefumschlag. Das Zimmer ist von dem Vorraum, in dem
man die Schuhe läßt, durch eine Schiebetür abgetrennt, einen Holzrahmen
mit feinem Holzgitter und Japanpapier. An dieser Grenze zwischen innen und
außen findet die Szene statt. Beide Frauen knien einander gegenüber und
verbeugen sich mehrfach, sie sprechen Höflichkeitsformeln. Chisako legt den
Umschlag hinüber. Das Zimmermädchen erklärt, ihn nicht nehmen zu können,
verbeugt sich weiterhin, Chisako ebenfalls und schließt nach einiger Zeit dabei die Schiebetür. Erst jetzt, ungesehen, kann das Zimmermädchen den Briefumschlag
nehmen und gehen.


Aus dem Kapitel
Im Tempel

Recht bald entsteht auf der Feuerstelle zwischen dem Priester und dem Bildnis
des Erleuchteten starker Qualm, der senkrecht aufsteigt, sich unter der Decke
als breite Wolke erstreckt und stark nach verkohlendem Holz riecht. Wo die
Hitze hierfür herkommt, weiß ich nicht, ich denke, daß es eine elektrische
Hitzequelle gibt, auf der das Holz liegt. Plötzlich entzündet sich das Holz,
und es gibt eine etwa 1,50m hohe helle Flamme; Funken stieben bis zur Decke,
und das in einem Gebäude, das nur aus Holz besteht. Der Priester singt dazu,
der älteste Ministrant schlägt die Trommel.


Aus dem Kapitel
Essen

Das meiste, was man in Deutschland ißt, kann man nicht mit Stäbchen essen;
keine Frühstücksbrötchen mit Marmelade; keinen Braten, keine Kartoffeln mit Soße;
keine Spaghetti; kein Camembert mit Baguette; keine Bratwurst mit Sauerkraut.
Was essen diese Japaner überhaupt?

Man kann übrigens mit Stäbchen mehr machen, als man in Europa denkt,
wenn man’s kann; Fische zerlegen und Nudelsuppe essen. Für die Nudelsuppe
brauchen die Profis die Stäbchen nur für den Anfang und dann höchstens als
Leitplanke, um den nicht endenden Nudelstrom, der sich durch Saugen aus
der Schale in den Mund erhebt, zu dirigieren.

Natürlich gibt es in Japan Messer und Löffel, auch unsere Eßgabel.
Ästhetisch gesehen ist es ein Vorteil, nur Stäbchen zu haben, denn das
Essen muß anders sein, anders zubereitet sein, als wenn man dem
Gast Schneid-, Spieß- und Schöpfwerkzeuge gibt. Der Gast soll bei
Tisch nicht arbeiten.


Aus dem Kapitel
Pachinko

Wenn du in eine der vielen Spielhallen gehst, die hier Pachinko heißen,
ist deine Lage einfach. Dein Arbeitsplatz ist etwa 60cm breit, am besten setzt
du dich auf den kleinen Hocker davor. Du schiebst rechts oben in einen Schlitz
einen Tausend-Yen-Schein, das sind etwa acht Euro, erhälst eine kleine Pappkarte,
die du rechts unten in den Spielautomaten einsteckst, und dann bekommt der
Automat Leben. Dann rasseln zahllose kleine Metallkugeln, vielleicht hundert,
in einen Auffangbehälter, und wenn du an einem Rad drehst, werden sie hoch-
geschnippt, ähnlich wie bei einem alten Flipper-Gerät, nur daß das Spielfeld
beim Pachinko senkrecht steht und die Kugeln viel kleiner sind, etwa 8mm im Durchmesser. Die Kugel fällt oben auf kleine waagerecht stehende Nägel,
springt von ihnen ab auf andere Nägel, fällt vielleicht in ein Sonderkästchen oder
auf eine Ablage, von der sie vielleicht in das entscheidende Gewinnkästchen
rollt und unten zusammen mit gewonnenen Kugeln aus der Maschine herausrollt;
Sieg!


Aus dem Kapitel
Im Amt

Eingangs erfährt man, zu welchem Platz man gehen muß. Wir gehen zum
Platz 6. Es kommt eine junge Frau, sehr freundlich wie alle hier. Chisako wartet,
bis ihr bedeutet wird, daß sie sich bitte setzen möge, und erklärt, worum es geht:
Sie hat geheiratet und will das beim Standesamt anmelden. Wir haben eine
internationale Urkunde des Karlsruher Standesamtes dabei, erstellt nach einer
Konvention der UNO. Chisako hat sie abgemalt und ins Japanische übersetzt.
Aber das hilft noch nicht ausreichend. Unsere Helferin kommt mit einem Formular,
etwa doppelt so groß wie unser übliches Schreibpapier. Dort werden zahllose
Dinge abgefragt. Alles, auch mein Name, muß in einer der japanischen Schriften eingetragen werden; gemeinsame Erwägungen der beiden, ob an dieses
Schriftzeichen noch ein Häkchen gehört oder nicht.


Aus dem Kapitel
Hand-Denwa

Jetzt also etwas schreiben. Dann – klapp – Telefon zu, in die Handtasche gelegt,
einen Augenblick überlegend gera-deaus geschaut, zur Schokotüte gegriffen,
ein paar Schokokugeln gegessen, einen Augenblick nichts getan, dann das
Gerät wieder aufgeklappt: Schon eine Antwort da? Noch nicht, aber man hat
noch einige SMS zu beantworten. Wieder rast der Daumen über das Spielfeld.
Absenden; Gerät zuklappen und in die Tasche; innehalten; Schokokügelchen;
Pause; Gerät aus der Tasche holen und aufklappen, nachschauen.

Ich denke an den Mann auf der einsamen Insel, den Gestrandeten; er hat ein
Morsegerät, auf dem er nur die Zeichen „kurz“ und „lang“, geordnet zu Buchstaben,
diese geordnet zu Worten, diese geordnet zu kurzen Sätzen, senden und
empfangen kann. Ist Leben dort draußen, erreichbares, im Umkreis meines
Funkgerätes liegendes Leben? Hört ihr mich? Ihr antwortet! Ich funke, also bin ich.
Ich empfange Funksprüche, also bin ich. Das Grundgefühl ist ein Ausgesetztsein,
eine Armseligkeit. Daß das so armselig ist, ist nur verdeckt durch die Neuheit,
durch das Tempo und die technische Brillanz – und durch die Unfähigkeit,
die Not zu empfinden.


Aus dem Kapitel
Die nachträgliche Hochzeit

Aber, wie ich später gehört habe, war sie nicht nur tapfer im Erdulden,
sondern auch tapfer im Austeilen. Es gibt in Japan einen Brauch in Bezug auf
Hochzeits- und ähnliche Geschenke, den ich, als ich ihn das erste Mal hörte,
nicht glauben wollte. Wenn man länger darüber nachdenkt, hat er aber durchaus
sein Gutes. Man schenkt nur Geld. Das ist noch nicht ungewöhnlich. Der Trick ist,
daß die Hälfte des Betrages beim Abschied zurückgeschenkt wird. Ist das nicht
die wundersame Geldvermehrung? Das Geschenk ist, kurz gesagt, doppelt so groß,
wie es teuer ist.

...

Essen, Bier, Wein und Sake machen müde. Ich habe nicht gedacht,
daß man das Problem so einfach lösen kann: Man legt sich egal wo auf den
Fußboden und schläft ein. Yuso schlief schon im Lokal ein bißchen. Hisanori lag
später im Hause quer im Durchgang zwischen Eßzimmer und Küche. Das war für
ihn bequem, nicht aber für uns. Er blieb aber dort, bekam eine dünne Matratze
untergelegt und eine Decke auf sich und schlief nun eine Stunde, obwohl er ein
Zimmer für die Übernachtung im Hause hatte. Aber wozu die Treppe hinaufsteigen?
Tante Oishi, die mit dem Sohn wieder nach Hause fahren wollte, schlief in einem
Sessel und schnarchte laut. Ihr Sohn schlief auch, Hitoshi schlief auch. Es war zwischenzeitlich fast wie bei „Dornröschen“ und entsprechend friedlich.